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Heilkunst Yoga – Yogatherapie heute

Konzepte, Praxis, Perspektiven

Yoga und Heilen

Yoga verfügt über eine große Auswahl von Übungen, die gleichzeitig Körper, Atem und Geist ansprechen und damit einen Menschen auch im Umgang mit gesundheitlichen Störungen und Einschränkungen unterstützen können.

Wenige YogalehrerInnen haben sich bislang so intensiv der therapeutischen Arbeit mit Yoga gewidmet wie der Arzt Martin Soder und die Ärztin Imogen Dalmann.

Seit 1987 ist die therapeutische Arbeit mit Yoga Schwerpunkt ihres ärztlichen Handelns. Sie sind über Deutschland hinaus auf diesem Gebiet Pioniere und Autoritäten. In ihrer Arbeit fließen ihr langjähriges Studium der Yogatradition mit dem bekannten Yogalehrer TKV Desikachar und ihre naturwissenschaftlich fundierte Aus- und Weiterbildung zusammen. Diese Verbindung von Tradition und Moderne und eine kreative Neugierde führte zu einer Neubewertung und Neustrukturierung des therapeutischen Yogaansatzes, die sie in diesem Buch präsentieren.

Das Buch kann direkt beim Verlag portofrei bestellt werden.

Einführung

Dieses Buch handelt von Yoga. Genauer gesagt davon, wie es zu einem therapeutischen Werkzeug werden kann – war Yoga doch ursprünglich ein Mittel, sich selbst und die Welt besser zu verstehen und einen Platz in ihr zu finden.

Der Titel des Buches macht deutlich, dass wir die therapeutische Anwendung von Yoga als eine Heil-Kunst verstehen. Einerseits drückt sich darin aus, dass Yoga zum Heilungsprozess eines Menschen beitragen kann, zum anderen geht es um die Kunst, für einen Menschen individuell die passendste Auswahl aus dem großen Schatz der Übungen des Yoga zu finden. Das hat mehr mit Kreativität zu tun als mit Routine, mehr mit Inspiration als mit Standards.

Selbst in der naturwissenschaftlich geprägten Medizin drehen sich heute viele Forschungsansätze um die Möglichkeit, ein »individuelles Behandlungsdesign« zu entwickeln. Als individualisierte Therapie verfügt Yoga dabei über zwei Trümpfe: Es wird mit Mitteln und Methoden gearbeitet, die gleichzeitig und gleichermaßen die körperlichen, geistigen und seelischen Anteile eines Menschen berühren. Zudem basiert Yoga auf einem Menschenbild, das auf Zuwendung und Respekt beruht und auf die Potenziale und Ressourcen eines Menschen vertraut. Letztere zu entwickeln, darin liegt die Kernkompetenz von Yoga als Therapie.

Seit fast dreißig Jahren arbeiten wir auf diese Weise therapeutisch mit Yoga. Wir unterrichten Menschen, die mithilfe von Yoga eine Verbesserung ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens anstreben. Sie finden den Weg zu uns, wenn körperliche Beschwerden wie etwa Rückenschmerzen, Migräne, Bluthochdruck oder Asthma sie plagen. Oder weil sie sich Unterstützung wünschen für die Bewältigung von Stress, Ängsten oder Lebenskrisen, sie sich sorgen oder niedergeschlagen sind. In einem Team speziell dafür ausgebildeter YogalehrerInnen unterrichten wir in unserem Zentrum Yoga für unterschiedlichste Anliegen. Abgestimmt auf die jeweils verschiedenen Bedürfnisse der Personen werden individuelle Programme für ein selbstständiges und regelmäßiges Üben zu Hause entwickelt. Die Übungen werden in Abständen von einigen Wochen kontrolliert und immer wieder verändert und verfeinert. So entsteht schließlich eine individuell zugeschnittene wirksame Übungspraxis. Wir benutzen dafür ausschließlich Übungen aus dem Yoga: Körper- und Atemübungen sowie verschiedene Meditationstechniken. Im ersten Kapitel des Buches geben wir Ihnen eine Reihe von Beispielen dazu.

Jeden Tag dürfen wir dabei aufs Neue erleben, wie heilsam Yoga sein kann. Doch nicht nur vor dem Hintergrund unserer positiven Erfahrungen haben wir dieses Buch verfasst – die Wirksamkeit von Yoga im Prozess der Heilung und Gesundung wird gleichfalls durch fundierte wissenschaftliche Studien der letzten Jahre belegt. Beide Aspekte der therapeutischen Arbeit mit Yoga werden Sie in diesem Buch wiederfinden: Die Darstellung von Bewährtem aus unserer praktischen Arbeit und die Vermittlung des aktuellen Standes wissenschaftlich begründeter Kenntnisse und Analysen über die Wirkung von Yoga.

Von der therapeutischen Wirksamkeit des Yoga sind wir fest überzeugt – und dennoch möchten wir keine falschen Vorstellungen und Erwartungen wecken. Wie alle Heilverfahren stößt auch Yoga an seine Grenzen. Yoga vollbringt keine Wunder und selbstverständlich kann keineswegs alles und auch nicht alles unter allen Umständen geheilt werden. Falsch angewendet können Yogaübungen sogar schaden.

Yoga – eine Komplementärtherapie

Es stellt sich also die Frage: Was macht Yoga zu einer wirksamen Therapie? Wir werden uns in diesem Buch ausführlich mit diesem Thema beschäftigen. Soviel aber vorweg: Vor allem muss eine therapeutische Yogapraxis zu einem Menschen passen. Sie muss sich eng und ausschließlich an seinem Anliegen, seinen besonderen Gegebenheiten und Möglichkeiten orientieren. Yoga »von der Stange« hilft nicht oder wenn, dann nur zufällig.

Therapeutische Interventionen, in denen ausschließlich Methoden des Yoga, also Körper-, Atem- und Meditationsübungen zum Einsatz kamen, sind mittlerweile in vielen Studien untersucht worden: Gruppen von PatientInnen mit ähnlichen Symptomen übten über fest definierte Zeiträume Yogapraxen, die Verbesserung vieler Beschwerden war signifikant. Wo es jedoch um die Frage nach der größtmöglichen Wirksamkeit von Yogatherapie geht, formulieren wir in diesem Buch ein Konzept, das darüber hinaus geht. Es heißt: Eine therapeutische Yogapraxis ist dann am wirksamsten, wenn sie individuell gestaltet ist.

Wenn man Yogaübungen auf die Patientin, den Klienten ausrichtet, können sie immer wieder ohne weitere therapeutische Maßnahmen ein körperliches oder psychisches Ungleichgewicht dauerhaft mildern oder beseitigen. Vielfach stellen sie allerdings nur einen von mehreren verschiedenen Behandlungsansätzen dar, die erst zusammengenommen Linderung oder Heilung bewirken. In vielen Fällen kann eine therapeutische Yogapraxis zum Beispiel einen hohen Blutdruck nachhaltig senken. Unter bestimmten Bedingungen kann sie sogar Medikamente ersetzen. Oft wird aber auch nur die Wirkung der Medikamente unterstützt – dies schlägt sich dann in einer ­Verringerung der Medikamentendosis und damit einer Reduzierung unangenehmer Nebenwirkungen nieder. Gleichzeitig erweist sich aber das Üben von Yoga im Zusammenhang mit Bluthochdruck als ein zuverlässiger Baustein für ein effektives Stressmanagement. Eine regelmäßige Yogapraxis weckt gegenüber der eigenen Befindlichkeit und dem persönlichen Lebensstil eine größere Achtsamkeit und hilft so, den Blutdruck auch über diese Ebenen zu beeinflussen.

In diesem Sinne verstehen wir die Yogatherapie nicht als ein alternatives Heilverfahren, das in Konkurrenz zu anderen treten will, sondern als eine komplementäre, also ergänzende Therapie. Und obwohl es eine Selbstverständlichkeit ist, muss hier noch einmal betont werden: Wie bei jeder anderen Therapie auch ist das Praktizieren von Yoga für bestimmte Anliegen das falsche Mittel. Entgegen weitverbreiteten Vorstellungen ersetzt zum Beispiel selbst eine körperlich sehr intensive Yogapraxis kein regelmäßiges Ausdauertraining – ein wesentlicher Aspekt zur Risikosenkung bei Herz- und Kreislauferkrankungen. Sehr wohl aber führt eine solide Yogapraxis zu körperlicher Wendigkeit, zur Beweglichkeit der Gelenke und zur Gesunderhaltung des Rückens und macht somit unter Umständen ein wirksames Ausdauertraining erst möglich. Ebenso kann man durch Yoga beispielsweise nicht abnehmen. Die Unzufriedenheit und Unruhe jedoch, die jemanden bei diesem Unterfangen überfallen können, lassen sich mit Yoga in den Griff bekommen.

Alle der in diesem Buch beschriebenen Einsatzmöglichkeiten von Yogatherapie zeichnet vor allem eines immer aus: Die Yoga­therapie macht aus einer Patientin bzw. einem Patienten ein handelndes Subjekt, d.h., die Menschen erleben und beteiligen sich aktiv am eigenen Heilungsprozess, indem ihnen Mittel an die Hand gegeben werden, mit denen sie selbst gezielt auf ihre Gesundung Einfluss nehmen können.

Therapeutisches Yoga-Üben lässt kranke Menschen erleben, wie durch eigenes Zutun Verbesserungen entstehen. Dass eine solche ­Erfahrung die Selbstheilungskräfte des Körpers mobilisiert, wurde inzwischen vielfach nachgewiesen. Die Mittel dafür sind einfach und wirksam – das Bedürfnis nach eigener Beteiligung am Heilungsprozess kann mit Yoga ebenso leicht wie dauerhaft umgesetzt werden.

Damit die Yogatherapie verständlich und nachvollziehbar wird, werden wir Ihnen zudem einen Einblick in den großen Schatz der Mittel des Yoga geben und Sie gleichzeitig in die differenzierten Konzepte und Strategien ihrer Anwendung einführen. Das Übungssystem des Yoga ruht im Wesentlichen auf drei Säulen:

  • den Körperübungen (Āsanas*) – sicher der bekannteste Aspekt des Yoga
  • den besonderen Atemtechniken (Prānāyāmas) – sie werden viel im therapeutischen Rahmen genutzt
  • der Meditation, – wozu im Yoga vielfältige Techniken entwickelt wurden.

Yoga wirkt – aber wie?

Wenn Sie am therapeutischen Nutzen von Yoga interessiert sind, werden Sie sicherlich auch wissen wollen, wie sich die Wirkungen von Yoga eigentlich erklären lassen. Was man an Substantiellem heute dazu weiß, werden Sie in diesem Buch erfahren. Einige der gängigen Anschauungen über die Wirkweise von Yoga erschweren allerdings bisweilen eine vernünftige Diskussion. Teilweise stammen sie noch aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, als Yoga im Westen langsam bekannter wurde. In den wenigen verfügbaren Publikationen dieser Zeit tauchten Erklärungen über die Wirkweise von ­Yogaübungen auf, die schon damals nicht dem Wissensstand der Medizin entsprachen. Leider werden sie seither in vielen Büchern und Artikeln über Yoga unhinterfragt wiederholt.

Ein bekanntes Beispiel dafür ist der angeblich besondere Wert des Kopfstandes. Er bewirke eine verbesserte Durchblutung des Gehirns, heißt es immer wieder. Dies ist eine falsche und sehr einfach widerlegbare Behauptung. Weiterhin wird fälschlicherweise angenommen, der Schulterstand habe Einfluss auf die Schilddrüsenfunktion. Auch diese Aussage ist unzutreffend. Gott sei Dank, muss man sagen, haben solche mechanischen Einwirkungen keine Folgen für die Regulierung unseres Stoffwechsels – denn würde die Annahme stimmen, so könnte die Weite oder Enge Ihres Kragens Ihnen eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse bescheren. Tatsächlich ist die Schilddrüsenfunktion bei der Regulierung unseres Stoffwechsels allein über ein komplexes neuro-hormonelles Netzwerk geregelt und bleibt von einem Drücken – in welcher Haltung auch immer – völlig »unbeeindruckt«.

Mit solchen sogenannten »Wirkerklärungen« werden zwei weitere haltlose Hypothesen transportiert: Die eine unterstellt, dass jeder Yogaübung eine klar definierte Wirkung auf bestimmte Organe zugeschrieben werden kann. Das ist ebenso falsch wie die Annahme, eine ganz besondere Übung würde gegen eine spezifische Krankheit oder gegen spezielle Beschwerden helfen. Hypothesen dieser Art gründen in einem längst überholten mechanistischen Bild vom Menschen.

Dabei verfügen wir heute über vielversprechende Ansätze, um die Wirkweise des ganzheitlich und vielschichtig angelegten Therapieverfahrens Yoga immer besser zu verstehen. Verantwortlich dafür ist der ungeheure Wissenszuwachs, den wir in den letzten Jahrzehnten durch die rasante Entwicklung der Physiologie, Pathophysiologie, Psychologie und nicht zuletzt der Neurowissenschaften gewonnen haben. Wir können nun auf fundiertes Wissen über die komplexen neurovegetativen und hormonellen Steuerungssysteme des Menschen zurückgreifen. Darüber lassen sich alle Phänomene erklären, vor denen der mechanistische Denkansatz kapitulieren muss: Warum zum Beispiel verringern regelmäßige Spaziergänge nachweislich das Herzinfarktrisiko? Oder warum verbessert körperliches Üben bei alten Menschen das Kurzzeitgedächtnis?

Die moderne wissenschaftliche Forschung entdeckt uns den Menschen als ein sich selbst komplex aber grandios organisierendes System - körperlich wie auch psychisch. Und sie bietet uns damit interessante Modelle an, um die positive Wirkung von Yoga überzeugend verständlich zu machen.

Wie sich die Wirkungen von Yoga seriös und befriedigend erklären lassen, werden wir Ihnen im Einzelnen erläutern. Aus Bausteinen, die inzwischen solide begründbar sind, setzt sich nach und nach ein Bild zu einer modernen Wirkerklärung von Yoga zusammen. Soviel vorweg: Yoga wirkt immer »vermittelt«, er wirkt über die besonderen Gegebenheiten und Voraussetzungen, die ein Mensch in seine Praxis mit einbringt – in diesem Sinne also »indirekt«. Das zeigt sich daran, dass die Bandbreite möglicher Reaktionen auf den gleichen Impuls – also etwa auf eine bestimmte Körperhaltung oder Atemübung – groß, individuell und nie ganz genau vorhersagbar ist.

Wie Yoga wirkt, spiegelt sich darüber hinaus in der aktuellen Diskussion um die Rede vom inneren Heiler wider (der nebenbei weder männlich noch weiblich ist). Er erschließt sich uns heute weder als eine immaterielle Lebenskraft, deren Existenz man im alten Indien (und noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa) als Motor von Heilung annahm. Der innere Heiler ist sicher auch keine »kleine Person in unserem Herzen«, wie es manche Texte des traditionellen Yoga beschreiben. Er ist vielmehr die Gesamtheit jener menschlichen Ressourcen, die auf Lebenserhaltung eingeschworen sind. Zu ihnen gehören Immunreaktionen ebenso wie etwa die angemessene Regulierung des Muskeltonus, des Blutdrucks, aber auch in hohem Maße die innere Gestimmtheit – kurz: das Ausbalancieren aller Lebensprozesse in Richtung Gesundheit. Seine Kraft schöpft der innere Heiler aus vielfältigen inneren Steuerungsprozessen, die im Verlaufe der Evolution ständig angepasst und optimiert wurden. Die Entfaltung dieser Ressourcen optimal zu unterstützen ist das eigentliche Ziel einer jeden Therapie. Dabei ist gleich, ob sie aus einer Antibiotikagabe oder aus Yogaübungen besteht.

Auf welche Weise solche, dem Menschen innewohnenden Ressourcen durch Yogapraxis erreicht werden können, möchten wir anhand der in diesem Buch vorgestellten Fallberichte zeigen. Einen Beleg für die Wirksamkeit von Yogatherapie können und sollen diese Berichte jedoch nicht erbringen. Durch das Aufzeigen der Fälle hoffen wir vielmehr, dass unsere Arbeit transparent und einsichtig wird: unsere Konzepte, der Umgang mit den Anliegen unserer KlientInnen, die Art der Yogaübungen, die wir verwenden, und wie und warum wir sie einsetzen. Um die Wirksamkeit auf seriöse Weise dokumentieren zu können, braucht es aber viel mehr als die Aneinanderreihung »erfolgreicher« Einzelfälle. In unserem Zentrum versuchen wir, diese Arbeit mithilfe eines Qualitätsmanagements zu leisten, das sich an Verfahren orientiert, die heute in der Erfahrungsmedizin mehr und mehr Anwendung finden. Insofern verstehen sich die hier präsentierten Fälle als Illustrationen, die erfahrbar machen sollen, in welchem Zusammenhang das, was unsere KlientInnen zu Hause praktizieren, steht und warum wir ihnen diese Vorschläge mitgegeben haben.

Heute ist bisweilen schon in Vergessenheit geraten, dass Yoga ursprünglich nicht als Therapieform entwickelt wurde. Im Mittelpunkt des Yoga standen folgende Fragen: Wie können wir uns und die Welt besser verstehen? Und: Warum leiden wir, wie lässt sich das Leid verringern und was hilft uns dabei, glücklicher zu sein? In der Yogatherapie wird die Diskussion über die Bewältigung von Krankheit demnach durch eine vielschichtige und ganzheitliche Sicht auf den Menschen bestimmt.

Die Erfahrung zeigt, dass die Menschen oft erst gerade dann von solchen grundsätzlichen Fragen berührt werden, wenn es um ihre Gesundheit geht. Nur wenige andere Dinge haben ein dergestalt hohes Potential, uns Leid zu bereiten, wie Krankheit und Schmerz. Zwar sind Krankheit und Leid nicht gleichbedeutend, aber dort, wo sich die eine breitmacht, ist in der Regel das andere nicht fern. Der Weg vom Krank-Sein zum Darunter-Leiden folgt dabei keinem festgelegten Muster. Wie jedes Leid hat auch das Leiden an einer Krankheit viele Facetten und sein Entstehen ist ein komplexer und sehr individueller Prozess. Hier hilft Yoga, Strategien zu entwickeln, sodass ein Mensch aus eigener Kraft heraus auf seine Leiderfahrung Einfluss nehmen kann.

Dabei macht sich die Yogatherapie im Hinblick auf den Umgang mit Krankheit jene Strategien zunutze, die im Yoga ganz grundsätzlich für den Umgang mit Leid diskutiert wurden, und bedient sich hier zweier Methoden. Zum einen wird bei der Yogatherapie nach der direkten Verbesserung körperlicher und psychischer Funktionen gesucht: Da wird mit dem Üben der Rücken stabiler und weniger schmerzanfällig; da werden Stressreaktionen reduziert, der Schlaf wird verbessert, der Blutdruck gesenkt, ein blockiertes Knie wieder beweglicher oder eine düstere Stimmung verbessert sich. Zum anderen hilft das Praktizieren von Yoga, die eigene Wahrnehmung zu beeinflussen: Man erlebt sich selbst und die Welt angemessener und lernt, mit Irrtümern und Täuschungen, die die eigene Person und die Einschätzung anderer betreffen, anders umzugehen – man erkennt seine Möglichkeiten und Grenzen sicherer. Vor allem kann man lernen, bestimmte Gegebenheiten anzunehmen, und man wird mutiger, um jene nötigenfalls verändern zu können. Auch diese Ideen werden in diesem Buch diskutiert.

Yogatherapie heute

Der Yoga bietet seit 2000 Jahren viele überzeugende Konzepte zur Überwindung von Enge und innerer Unstimmigkeit an. Im gleichen Zug wurde eine umfangreiche Anzahl wirksamer Mittel entwickelt, die uns heute für die therapeutische Arbeit zur Verfügung stehen. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verwendung des Yoga als therapeutisch ausgerichtete Heilmethode auf keine lange Geschichte zurückblicken kann. Selbst wenn in manchen sehr alten Texten über Yoga die gesundheitlichen Wirkungen bestimmter Yogaübungen überschwänglich gepriesen wurden, gibt es bis heute keinen ernst zu nehmenden Hinweis darauf, dass es sich dabei um die Erfahrung therapeutisch praktizierender Yogis handelte. Keine der heute existierenden yogatherapeutischen Ansätze kann sich auf eine lebendige Tradition beziehen, die weiter als knapp hundert Jahre zurückreicht. Die allerersten Versuche, Yoga gezielt therapeutisch einzusetzen, stammen aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. In ihren Anfängen fehlte diesen Versuchen noch weitgehend eine offene und selbstkritische Haltung gegenüber den real erreichten Wirkungen. Erst in den letzten fünfzig Jahren begann sich Yogatherapie (allerdings keineswegs überall) in Richtung Erfahrungswissenschaft zu entwickeln. Aber noch immer mangelt es oft an einem redlichen Umgang mit dem Gegenstand Yoga, wenn es darum geht, die tatsächliche Wirkung einer Praxis von vollmundigen Versprechungen zu trennen.

»Yoga«

Unter dem Begriff Yoga finden sich heute die unterschiedlichsten Übungsverfahren. Den einen Yoga* gibt es nicht. Selbst in seinem Ursprungsland Indien existierte nie eine einheitliche Auffassung von Yoga und noch weniger eine einheitliche Vorstellung davon, was zu einer »richtigen« Yogapraxis gehört. Mit der Ausbreitung des Yoga im Westen wurde der Begriff Yoga noch weiter gedehnt. Unter seinem Dach versammeln sich inzwischen Angebote, die außer dem Namen kaum eine Gemeinsamkeit erkennen lassen.

Wer also heute von Yoga spricht, muss erklären, was er damit meint. Wir werden unser Verständnis von Yoga in diesem Buch sehr konkret verdeutlichen. Dabei helfen uns Beispiele therapeutisch ausgerichteter Übungsreihen. Außerdem stellen wir Ihnen einige wichtige und häufig benutzte Übungen vor, und wir werden zugleich die Konzepte deutlich machen, die uns beim Unterrichten von Yoga leiten.

Es ist uns ein großes Anliegen, Ihnen in diesem Buch das gewaltige, in über 2000 Jahren entfaltete Potenzial des Yoga als ein Mittel für die Gesundheit und die persönliche Entwicklung nahezubringen. Genauso stark bewegt uns aber der Wunsch, diese Methode im Rahmen unserer heutigen Erkenntnisse und Lebensumstände zu würdigen. Einen blinden Glauben, unsinnige Überzeugungen und ein unkritisches Übernehmen alter Denkmuster und Traditionen müssen wir dabei hinter uns lassen. Deshalb hat unser Buch auch einen Untertitel: Es geht um Yogatherapie und ihre Verortung im Wissen und in den Fragen von heute.

Dr. Imogen Dalmann

Fachärztin für Allgemeinmedizin. Nach der Approbation 1979 arbeitete sie mehrere Jahre lang in Berliner Kliniken.

Martin Soder

Arzt. Studium der Medizin nach Magisterabschluss in Germanistik und Geschichte.

Yoga im therapeutischen Einsatz

In ihrer Praxis für ganzheitliche Medizin widmen sie sich seit 1987 der Yogatherapie. Ihre Arbeit ist seit 1985 wesentlich beeinflusst durch das regelmäßige Studium des Yoga und der Yogatherapie bei dem renommierten Yogalehrer T.K.V. Desikachar aus Chennai, Indien.

1990 gründeten sie das Berliner Yoga Zentrum, mit dem ersten therapeutischen Angebot von Yoga in Deutschland. Heute wird hier in einem Team von zehn MitarbeiterInnen therapeutisch und präventiv auf individueller Basis mit Yoga gearbeitet.

Aus der Erfahrung mit dieser Arbeit entwickelten sie ein Fortbildungsprogramm für ausgebildete Yogalehrende, die mit Yoga als Individueller Begleitung und Komplementärtherapie arbeiten wollen.

Außerdem leiten sie seit 1996 eine der angesehensten Ausbildungsschulen für Yogalehrende in Deutschland.

Seit 1993 publizieren sie die Fachzeitschrift Viveka, Hefte für Yoga. Im Jahr 2000 erschien ihr Buch Warum Yoga, das mittlerweile in der sechsten Auflage erhältlich ist.

Weitere Informationen zum Buch

Auf den Unterseiten dieser Website gibt es weitere Informationen zum Buch: Blick ins Buch.

Wie heilt Yoga? In der Zeitschrift VIVEKA ist der Vorabdruck eines Kapitels erschienen: Die Wirkweise von Yoga.

Weitere Artikel

Zum Thema. Hier sind zusätzliche Artikel zu finden, etwa zur heutigen Sicht auf die komplexen Ursachen von Rückenschmerzen, über "Yoga für Frauen mit Brustkrebs", oder es werden pseudowissenschaftliche Erklärungen zur Wirkungsweise des Yoga hinterfragt, wie am Beispiel „Hormonyoga".

Was gibt es Neues?

Neue Informationen zu Buch und Thematik werden auf der Seite Aktuelles angeboten.

Wissen, Kontroversen, Diskussionen

Hintergrundinformationen, Diskussionen und neuere wissenschaftliche Erkenntnisse im Abschnitt Hintergrund.

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